2. Das Leben im Siechkobel

2. Kapitel

Das Leben im Siechkobel

Der Siechkobel wird urkundlich 1234 in der Schenkungsurkunde des Heinrich VII erstmals erwähnt. Tatsächlich dürfte er schon wesentlich früher vorhanden gewesen sein. Er diente vor allem der Unterbringung der Aussätzigen, in diesem Fall der Leprosen. Dass der Aussatz eine große soziale Bedeutung hatte, dass er häufiger gewesen sein muss, geht aus der Tatsache hervor, dass sich Konzilien, Papsterlässe und Verordnungen weltlicher Mächte mit ihm beschäftigten. Der Aussatz ist nicht eine Folge der Kreuzzüge, das erzählen nur die Fremdenführer. Seit dem frühen Mittelalter gibt es Verordnungen, die ein erbarmungsloses Aussetzen der Kranken bestimmen. Erst mit der zunehmenden Christianisierung sind Tendenzen zu erkennen, das Los der Leprakranken zu bessern. Sie finden ihre Krönung darin, dass im 3. Laterankonzil zu Rom (1138) den Leprösen eigene Kirchen und eigene Friedhöfe zugestanden werden.

 



Die Krankheit

Die Lepra tritt vor allem dann auf, wenn miserable hygienische Zustände herrschten, also Unsauberkeit, keine Fäkalienentsorgung, keine Abfallentsorgung. Dies ist in größeren Ansiedlungen der Fall, wo Abfälle einfach auf die Wege zwischen den Häusern geworfen wurden und man wartete, dass der nächste Regen dann alles fort spülte.


Unglücklicherweise verursacht die Krankheit keine Schmerzen. Somit wird die Krankheit vom Patienten gar nicht ernst genommen. Eine Ansteckung ist schon bei primitivster Hygiene fast ausgeschlossen. Bei unserer heutigen Hygiene fast unmöglich. Auch scheint die weiße Rasse im Laufe der Jahrhunderte immun geworden zu sein, das heißt, es haben sich Abwehrstoffe herangebildet, die immer weiter vererbt werden. Auch ist kein Zusammenhang mit der Pest festzustellen, die später auftreten wird.

Die Aussätzigen wurden weit vor den Toren der Stadt in einem eigens dafür gebautem Haus angesiedelt. Der erste Siechkobel stand ca. 800 m westlich der Stadtumrandung im heutigen Johannisfriedhof, also in dem Gelände, welches König Heinrich VII. dem Deutschherrnorden schenkte.

Die Kranken durften keinerlei Kontakt zu gesunden Menschen haben, wobei die Spendenbereitschaft der Bevölkerung im frühen Mittelalter sehr groß war.

Die Aufnahmen in den Siechkobel

Anfangs wurde die Aufnahme eines Kranken von den Insassen des Siechkobels wohl selbst bestimmt. Die Kranken mussten sich einer strengen wirtschaftlichen Prüfung unterziehen, ehe sie in den Kobel aufgenommen wurden. Sie mussten all ihr Hab und Gut zur Verfügung stellen. Einem Reichen mögen sich leichter die Tore geöffnet haben als einem Armen.

Mit der späteren Übernahme der Oberaufsicht durch den Rat der Stadt fielen die wirtschaftlichen Gesichtspunkte weg. Wahrscheinlich ging der Aufnahme in den Siechkobel eine Untersuchung durch einen “geschworenen” (vereidigten) Arzt voraus. War die Untersuchung positiv verlaufen, wurde die zwangsweise Einweisung in einen Siechkobel verfügt. Der Kranke konnte sich der Zwangsmaßnahme entziehen, indem er die Stadt verließ.

Der umgekehrte Fall, dass Menschen durch Vortäuschen dieser Krankheit sich einen Platz im Siechkobel verschaffen wollten, wird häufiger gewesen sein. Eine negative Auslese der Bevölkerung, die wir heute als asozial bezeichnen, wird sich am ehesten darum bemüht haben. Ein Leben lang sich satt essen zu können, ohne dafür arbeiten zu müssen, dazu einen Speisezettel, von dem viele nur träumen können, war verlockend. Dafür nahm man schon den Verlust der persönlichen Freiheit in Kauf. Mit ihr konnte man zur damaligen Zeit sowieso weniger anfangen als wir heute. Die Not ums tägliche Brot und Unterkunft war zu allen Zeiten ein ständiger Begleiter.

Die Leprakranken waren samt und sonders nicht bettlägerig. Auch dann nicht, wenn es sich um fortgeschrittene Stadien der Krankheit handelte. Sie waren alle mit gewissen Einschränkungen arbeitsfähig und wurden in der Regel auch zu leichteren Arbeiten herangezogen. Die Gründung des Siechkobels erfolgte schon lange vor dem Einzug des Deutschherrenordens, die Stadt war damals immerhin schon fast 200 Jahre alt. Es wird ein kleines verschworenes Häuflein gewesen sein, das völlig autonom lebte und sich selbst verwaltete.

Die Zahl der sundersiechen (Sondersiechen) ist seit dem Bestehen der insgesamt 4 Siechköbel in etwa bekannt. Ebenso kann die Einwohnerzahl Nürnbergs, ca. 25 000, geschätzt werden. Die 50 – 60 Kranken sind auf 4 Siechkobel verteilt, das ist in etwa ein viertel Prozent der Bevölkerung. In sozialer Hinsicht spielte dieses viertel Prozent keine große Rolle und wurde von der Gesellschaft mühelos verkraftet.

Der Kirchhof

Aber diese 15 Personen erlauben es sich, unter Umgehung des offiziellen Dienstweges, direkt an den fernen Papst in Rom zu schreiben und um Erlaubnis zu bitten, einen kleinen Kirchhof errichten zu dürfen. Der Dienstweg wäre Siechkobel – St. Sebald – Bischof von Bamberg – Papst gewesen. Es muss also bereits eine Kapelle vorhanden gewesen sein, denn ohne Kirche kann man keinen Kirchhof anlegen.

Umgekehrt erteilt Papst Gregor IX im Jahr 1238 in einer Breve an zuständigen Bischof von Bamberg, Siegfried von Öttingen, seinen Segen. Der Dienstweg musste natürlich eingehalten werden, da der Bischof den Kirchhof samt Kapelle später weihen musste. Als Mutterkirche wurde St. Sebald bestimmt.

Dies war der Beginn für die Planung einer an den Siechkobel angrenzenden Kapelle mit Kirchhof.